Fahrgastrechte

Posted on März 16, 2013

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Eine Verspätung von mehr als 60 Minuten bringt allerlei Annehmlichkeiten mit sich. Zunächst mal bekommen wir alle alkoholfreie Freigetränke im Bordbistro. Zugegeben, Freibier wäre auch ganz schön, aber man kann natürlich nicht alles haben. Es versteht sich, dass sich sofort eine lange Schlange Durstiger vor dem Bistrofenster bildet, die bis auf den Gang hinaus reicht. Eine gewisse Unruhe unter den Reisenden am Ende der Schlange ist spürbar: ob die Getränke auch reichen, bis sie an die Reihe kommen? Ich habe mich vorher schon mit einem Weizenbier (3,90 EUR) versorgt und kann dem Treiben entspannt zusehen. Außerdem kann ich meine volle Aufmerksamkeit auf die nächste Durchsage richten:

„Sehr geehrte Bahnreisende, wir werden unseren nächsten Bahnhof Frankfurt mit einer Verspätung von 70 Minuten erreichen. Aus diesem Grund werden wir nun durch die Waggons gehen und Ihnen Ihre Fahrgastrechte austeilen. Bitte warten Sie, bis wir zu Ihnen an den Platz kommen.“

Jetzt geht mir ein Licht auf! All die Verspätungen, Pannen, Unfreundlichkeiten und ähnliche Unbille der letzten Monate – all das widerfuhr mir nur, weil ich die ganze Zeit ohne Rechte gefahren bin! Und heute – ganz unverhofft – werde ich die ausgehändigt bekommen! Ich werde keine rechtlose Person mehr sein! ich werde ein vollwertiges Mitglied der Bahnfahrergemeinschaft sein – auf Augenhöhe mit dem mit zahlreichen Rechten versehenen Zugbegleitpersonal! Hurra!

Ich verschwende keinen Gedanken daran, wie und warum ich rechtlos wurde. Wen kümmert’s? Es ist vorbei! Ich warte geduldig.

Wenige Minuten später kommt die nächste Durchsage: „Meine Damen und Herren, ich bitte um einen Moment Ihrer Aufmerksamkeit. Wir haben nun alle an Bord befindlichen Fahrgastrechte verteilt. Diejenigen von Ihnen, die keine Fahrgastrechte bekommen haben, können ihre Rechte unter Vorlage ihres Fahrausweises im Kundenzentrum des Frankfurter Hauptbahnhofs beantragen.“

Dunkelheit umfängt mich, ich habe Sterne vor den Augen. Ich war so nah dran… Unnötig, darauf hinzuweisen, dass ich als Eigentümer einer BC100 keinen Fahrausweis habe, mit dem ich meine Rechte in Frankfurt einfordern könnte…

Es ist vorbei. Mit Tränen in den Augen schlurfe ich ins Tiefgeschoss zum S-Bahn-Gleis. Meine Bahn hat Verspätung. Weiterhin entrechtet setze ich mich und warte.

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Posted in: Bahnfahren