Plötzlicher Gedächtnisverlust

Posted on März 22, 2013

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Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe den Eindruck, dass an Bahnhöfen alles noch etwas schneller geht als anderswo. Und das meine ich durchaus im Wortsinne. Nicht nur, dass immer ein paar Menschen im verzweifelten Versuch, ihren Anschlusszug noch zu erwischen, ohne Rücksicht auf das Morgen versuchen, wie Moses damals das Rote Meer jetzt die Menschenmenge zu teilen, um schnurgeradeaus durchs Gewühl rennen. Dass das nicht ohne blaue Flecken bei allen Beteiligten abgehen kann, ist klar, aber zumindest sind diese Menschen vorhersehbar. Man erkennt eine gewisse Verdrängungsbewegung in der Menge in einiger Entfernung und kann anhand der näher kommenden Schmerzensrufe und Flüche abschätzen, wann und wo dieser Läufer auftaucht. Nicht immer gelingt es, rechtzeitig auszuweichen, aber zumindest hat man Zeit, den Koffen wie einen Schild vor sich zu stellen oder wenigstens einen Ellenbogen auszufahren, um dafür zu sorgen, dass dem Läufer der Zusammenstoß mehr weh tut als einem selber.

Nein, ich spreche von den Menschen, die zielstrebig und zügig, ihren Koffer hinter sich herziehend, fürbaß schreiten. Man läuft instinktiv hinterher, empfindet ein Gefühl großen Vertrauens in deren zuverlässige und konstante Schreitgeschwindigkeit, wähnt sich sicher, schaut ein bisschen in der Gegend herum und klatscht plötzlich ohne Vorwarnung wie vom Blitz getroffen mit dem Gesicht auf den Asphalt, weil der Mensch abrupt stehengeblieben und man selbst über dessen Koffer gestürzt ist, der unvermittelt wie eine Betonwand im Weg steht.

Scahue ich diesen Menschen dann ins Gesicht, sehe ich statt Zielstrebigkeit nachdenkliche Ratlosigkeit: ‚Was will ich eigentlich hier? Wo will ich hin? Wo komme ich her? Welchen Sinn hat das Dasein?‘ scheinen diese Blicke zu sagen. Andere kramen angestrengt in ihrer Handtasche/Brusttasche/Kosmetikkoffer, weil ihnen eingefallen ist, dass sie sich ganz dringend davon überzeugen müssen, ob es dem Inhalt des Gefäßes noch gut geht.

Was ist das? Spontaner Alzheimer? Zugegeben, da sind eine Reihe älterer Menschen dabei, aber wenn ich eine Statistik anfertigen müsste, würden vermutlich gleich viele jüngere Menschen auf der Strichliste stehen. Das spricht dann auch gegen die Schaufensterkrankheit (wer nicht weiß, was das ist, ich habe den Begriff mit einer Erklärung verlinkt). Giftige Dämpfe? Nicht ausgeschlossen, wenn man an den Geruch denkt, der gelegentlich aus Zugtoiletten entweicht, aber doch einigermaßen unwahrscheinlich in einem von eiskalten Winden gut durchlüfteten Bahnhof.

Nein, ich komme zu dem Schluss, dass das einfach ehemalige ‚Läufer‘ (s.o.) sind, die sich für den Bodycheck neulich rächen und es mir zurückzahlen wollen. Das ist natürlich ein kindisches Rachedenken, aber irgendwie clever. Vielleicht bleibe ich heute auch einfach mal abrupt stehen und schaue dämlich, was passiert…

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Posted in: Bahnfahren