Wirtschaftsförderung à la Bahn

Posted on März 23, 2013

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Kennt ihr das eigentlich auch? Der ICE ist endlich mal fünf Minuten mit 250 km/h unterwegs und dann bremst er plötzlich auf gefühlten 300 Metern auf Schrittgeschwindigkeit ab. Bahnhof? Signal? Oberleitungsstörung? Personenschaden? Nichts von alldem – sofort beschleunigt der Zug wieder, um zwei Minuten später wieder mit Höchstgeschwindigkeit dahin zu rasen. Und dann wieder zu bremsen. Und wieder Gas zu geben.

Ich habe mal vermutet, dass da ein Zugführer permanent vergisst, die Totmann-Bremse zu bedienen und dann, wenn der Zug automatisch eine Vollbremsung vornimmt, aus seinem Tagtraum über ein besseres Leben, eine schönere Frau, einen Urlaub auf Malle oder was immer hochzuschrecken und sich zu erinnern: ‚Huch, da war doch noch was…‘ Um dann, nach dem Tritt aufs Pedal, gleich wieder weiter zu träumen.

Aber nein, der Grund ist – wie ich heute feststellen konnte – ein ganz profaner: die Bahn möchte mehr Umsatz machen. Wie? Ganz einfach:

Zunächst läuft ein Auszubildender mit dem Kaffeewagen durch den Zug und verkauft zahlreiche Becher Filterkaffee zu je 2,80. Da der Kaffee nicht schmeckt, trinken die Fahrgäste ihn nur langsam und widerwillig. Das dauert zu lange, bis er die nächste Runde drehen und wieder eine Kanne Kaffee leerpumpen kann.

Deshalb bremst der Zug abrupt, die Fahrgäste verschütten den Kaffee, bevor sie ihn auch nur probieren können und flugs kommt der Azubi wieder vorbei, um ihnen einen neuen Becher anzudrehen. Genau das ist jedenfalls heute passiert. Die bedauernswerte ältere Dame zwei oder drei Sitzreihen vor mir durchschaute das Spiel jedenfalls nicht, fühlte sich selbst verantwortlich für ihren verschütteten Kaffee und orderte, nachdem sie den kaffeeüberschwemmten Tisch und ihre Umgebung notdürftig abgetrocknet hatte, einen neuen Becher.

Sicher wird jetzt der eine oder andere von euch einwenden, dass der finanzielle Aufwand für das Bremsen und Wiederanfahren eines kompletten ICE bei den heutigen Energiepreisen möglicherweise die Kosten für eine Tasse Kaffee geringfügig übersteigen und dass ein stolpernder Fahrkartenkontrolleur das gleiche Resultat mit geringerem Aufwand herbeiführen könnte  – aber hey, solch kleinliches Pfenniggefuchse ist doch etwas zu billig. Für ein Unternehmen, das sich Stuttgart 21 leistet, ist das – wie ich finde – die einzig akzeptable Vorgehensweise, um den Getränkeverkauf an Bord seiner Fahrzeuge anzukurbeln.

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Posted in: Bahnfahren