Rätsel Ersatzzug

Posted on März 26, 2013

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Kaum aufgewacht und zum Bahnhof getaumelt, stellt sich mir schon ein Rätsel, das ich – mein Biorhythmus ist noch nicht auf dem Höhepunkt intellektueller Leistungsfähigkeit angekommen (ich bin schon froh, dass ich das Wort ‚Rhythmus‘ ohne unterstützendes Wörterbuch überhaupt habe buchstabieren können) – nicht lösen kann. Vielleicht gelingt es euch?

Mein Zug, der ICE 794 von Berlin nach Hamburg um 8:16 fällt aus. Das ist an sich ärgerlich, aber nicht so ungewöhnlich, dass es sich lohnen würde darüber zu schreiben. ABER.

Aber statt dessen fährt zur gleichen Zeit von gleichen Gleis ein gleich aussehender ICE 2916  als Ersatz für den ausgefallenenen 794er die gleiche Strecke mit den gleichen Haltbahnhöfen. Auch alle Reservierungen sind gültig (was für sich gesehen schon fast sensationell ist, wenn man bedenkt, dass das schon in regulären Zügen manchmal nicht funktioniert). Wenn ich also nicht ein Bahn-Nerd bin, der die Zugnummern der von ihm verwendeten Produkte (die Bahn nennt ihre Fahrzeuge und die von ihnen bewirtschafteten Strecken so) sorgfältig in einem Notizbüchlein vermerkt und akribisch z.B. mit den Namen der ICE-Züge abgleicht (ich hab vergessen, draußen nachzuschauen, wie mein heutiger Zug heißt), würde ich nicht merken, dass es sich bei meinem Zug um einen Ersatz handelt und mein eigentlicher Zug AUSGEFALLEN ist. Warum schreibe ich dieses Wortin Großbuchstaben? Weil das der einzige Teil der Botschaft ist, der bei den meisten Reisenden ankommt. „Mein Zug fällt aus. O jemine, was mache ich denn jetzt? Ich muss sofort zum Informationsschalter und fragen, was ich jetz machen soll!“ Und jetzt wird es lustig.

Menschen irren durch den Berliner Hbf, auf der Suche nach einem Informationsschalter. Das ist zugegebener Maßen eine Herausforderung – der Bahnhof zeichnet sich ja nicht gerade durch Übersichtlichkeit oder Benutzerfreundlichkeit aus. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Menschen nicht entspannt auf der Suche sind, sondern  mit Sinnen, die von der Information „AUSGEFALLEN“ verstopft sind. Sobald sie jenanden sehen, der ein dunkelblaues Kleidungsstück mit roten Applikationen anhat, eine Schirmmütze auf dem Kopf trägt oder sich hinter einem Pult oder Tresen befindet, an dem dann noch das heilsbringende DB-Logo angebracht ist, stürzen sie sich aauf diesen Menschen und stammeln: „Zug AUSGEFALLEN. Was tun?“ Nein, das ist natürlich unfreundlich. Die Menschen stammeln nicht, sondern erklären ausführlich, dass sie nach Hamburg möchten, dass ihr Zug, der ICE um 8:16 ausgefallen ist und dass sie aber auf jeden Fall nach Hamburg müssen und wann denn der nächste Zug nach Hamburg fährt?

Geschätzt 30% dieser Menschen landen in der DB-Lounge (dem Wartebereich für Bahnreisende mit einer Fahrkarte 1. Klasse oder Vielfahrer mit comfort-Status, also mit der grauen oder der scgwarzen Bahncard), weil die freundlichen Damen am Empfang dort mindestens 3 der oben genannten Suchparameter erfüllen (sie tragen keine Schirmmütze, ansonsten passt alles). Ich sitze in der Nähe des Eingangs und bekomme in 15 Minuten ca. 20 identische Kommunikationen mit:

Kunde: Wann geht der nächste Zug nach Hamburg?

Freundliche Danme am Empfang: ICE um 8:16 von Gleis 7.

K: Der fällt aber aus. Das habe ich gerade am Gleis gelesen!

FDaE: Es fährt ein Ersatzzug.

K: Wann denn?

FDaE: 8:16. Vom selben Gleis.

K: Aber das ist kein ICE, oder?

FDaE: Doch. Es ist ein Ersatzzug.

K: Zur gleichen Zeit? Vom selben Gleis? Ein ICE?

FDaE: Ja. Als Ersatz.

K: (dreht sich ungläubig um und geht weg, vermutlich auf der Suche nach einem anderen Informationsschalter, wo man ihn mit richtigen Informationen versorgt, denn diese Info ist so unglaubwürdig und widerspricht so sehr jeder Erfahrung, dass sie gegen das „AUSGEFALLEN“ in seinem Gehirn nicht anstinken kann).

Was ist also der Grund dafür, dass die Bahn ihre Reisenden durch eine ja durchaus ungewöhnlich große und offene Transparenz und Fülle an Information offenbar mutwillig in Verwirrung stürzt? Ist das ein Zweck an sich? Nach dem Motto: Zugausfälle allein reichen nicht mehr, um unserem Anspruch an Desorientierung userer Kunden gerecht zu werden? Was denkt ihr? Ich bin für jeden Tipp dankbar, und sei er noch so absurd…

 

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Posted in: Bahnfahren