Hut ab vor dem Profi

Posted on März 27, 2013

0


Ihr kennt das wahrscheinlich auch: man sitzt im Zug, hat eine Weile mit seinem Smartphone gedaddelt, Filme auf seinem Notebook geschaut, Musik mit dem mp3-Player gehört oder wie ich ganz brav zwei bis dreis Stnden konzentriert am Laptop gearbeitet und nebenbei telefoniert. Und irgedwann ist der Saft alle.

Grundsätzlich kein Problem (vorausgesetzt man hat das Ladekabel nicht vergessen – alleine über solche Erlebnisse könnte ich tagelang schreiben: vom Anschnorren des Sitznachbarn, der zufällig das gleiche Telefon hat wie ich bis hin zum Erwerb dubioser No-Name-Ladekabel aus zweifelhafter Herkunft in einem türkischen Kram- und Elektroladen in der Kaiserstraße in Frankfurt (schräg gegenüber vom Hauptbahnhof). Die beiden Betreiber, offenbar Zwillinge, sehen mich erwartungsfroh an und kramen, nachdem ich meinen Wunsch geäußert habe, in zahlreichen Umzugskartuns voller Krimskrams herum (‚Kein Problem,  da haben wir was da. Ich bin sicher!‘ Kommt mir vor wie früher beim Griechen meines Vertrauens, der jedesmal, wenn wir zur Tür reinkamen, einen Ouzo ausschenkte und erklärte: ‚Dauert 5 Minuten, dann wird ein Tisch frei!‘. Was natürlich nie stimmte, uns aber oftmals statt 5 Minuten 5 Ouzo bescherte… aber ich schweife ab.

Ouzo gab es im Laden jedenfalls nicht. Dafür aber ein tatsächlich in eine Plastiktüte eingeschweißtes Kabel. Natürlich ohne Aufschrift, ohne Herstellerangaben und ähnlichen überflüssigen Schnickschnack. Der eine Zwilling betrachtet das Kabel skeptisch und reicht es mir dann mit den Worten: ‚Müsste passen. Willst du ausprobieren?‘ Natürlich handelt es sich bei meinem Mobiltelefon um ein krachneues Firmenhandy und bei der Vorstellung, dass ein Kabel, das noch nie im Leben ein Prüfsiegel gesehen hat, dieses Gerät mit einem gezielten Stromstoß zum Brennen bringen könnte, ist mir begreiflicher Weise unwohl. Aber was will ich machen? Ich muss telefonieren und habe eine zweitägige Dienstreise vor mir. Ich nicke, der Zwilling pflückt das Kabel aus der Tüte, steckt es in eine allein schon abenteuerlich aussehende Steckdose hinter seinem Tresen und hält mir das andeer Ende entgegen. Ich halte die Luft an und stöpsle es in mein Blackberry und – es geht! Ich bekommen Handkrebs vom Billigplastik und Löcher im Gehirn vom Geruch der Weichmacher im Kabel, aber es geht! Und dafür sind 15 EUR nicht zu teuer bezahlt.) Wo war ich?

Ach ja. Grundsätzlich ist ein leerer Akku im Zug also kein Problem, diesmal habe ich auch alle nötigen Kabel dabei, ich sitze darüber hinaus in einem ICE2, der über eine Steckdose an jedem Doppelsitz verfügt, aber hier liegt mal wieder die Tücke im Detail, nämlich im unschuldigen Wort DOPPELsitz. Und natürlich hat der Sitznachbar schon vor einer Stunde sein eigenes Ladekabel in die Steckdose gerammt und macht keine Anstalten, es vor der Ankunft am gemeinsamen Zielbahnhof wieder herauszuziehen und mir damit Platz zu machen.

Unglücklicher Weise ider der Typ auch noch ein finster aussehender untersetzter Herr mit dicken Armen, Stoppelfrisur und Bomberjacke – vermutlich Türsteher in einer Schmuddeldisco oder so – und macht nicht den Eindruck, als würde er freundlich auf mein Ansinnen reagieren, eines meiner Geräte auch mal – ganz kurz – an die Steckdose hängen zu dürfen. Aber was hilft’s? Wir werden noch knapp zwei Stunden unterwegs sein und ich WILL telefonieren und am PC arbeiten. Also fasse ich mir ein Herz und sage vorsichtig: „Entschuldigung, aber könnte ich wohl mal bitte… ganz kurz…. Steckdose… dringende Telefonate…“ Ich verstumme, als er mich fixiert.

„Kein Problem“, sagt der sehr freundliche junge Mann und zieht aus seinem Rucksack einVerlängerungskabel mit VIERFACH-Stecker, stöpselt das in die Steckdose und seinen Laptop in eine der vier Buchsen, „bedien dich!“ Voller Bewunderung stecke ich meine beiden Ladekabel ein (es ist immer noch ein Steckplatz frei!) und denke: Was für ein Bahnfahr-Profi!

Advertisements
Posted in: Bahnfahren