Essen und Trinken Vol. 1

Posted on April 19, 2013

0


Man soll es nicht glauben, aber in den letzten beiden Wochen bin ich nahezu ereignislos Bahn gefahren. Kaum wird das Wetter wieder wärmer, scheinen nicht nur Kinder, sondern auch Züge weniger Schnupfen zu haben und müssen nicht so oft zu Hause bleiben. Zugausfälle und Verspätungen halten sich in Grenzen, was mich ja einserseits freut, weil ich endlich mal eine Chance habe, Anschlusszüge zu erreichen und meine Fahrtziele einigermaßen pünktlich zu erreichen, mich aber andererseits furchtbar langweilt.

Also richte ich mein Augenmerk heute mal wieder auf die Zeit vor und nach der Bahnreise und dabei drängt sich das Thema Essen und Trinken geradezu auf. Viele Bahnreisende – insbesondere Gelegenheitsfahrer – sind für eine halbstündige Zugreise deutlich besser verproviantiert als eine durchschittliche Himalaja-Expedition und haben Berge von Wurst- und Kösestullen, geschnittenes und eingetuppertes Obst und Gemüse, Joghurt, hartgekochte Eier und Ahle Wurst in Scheiben und in Tüten dabei, ergänzt durch Thermoskannen voll Kaffee und/oder Tee, Mineralwasser und Fruchsaft. Sie haben Teller und Besteck, Becher oder Tassen aus Kunsststoff dabei und eine Küchenrolle, um alles wieder sauberzumachen. Familien mit kleinen Kindern sind identisch ausgestattet, haben aber statt der Küchenrolle Feuchttücher mit.

Wenn man denkt: wie passt das alles in ein durchschnittliches Reisegepäck?, wird man anschließend überrascht durch eine größere Auswahl an Kekspackungen, Schokolade und/oder Kuchen sowie noch mehr geschnittenes Obst in Tupperdosen. Gegebenenfalls auch noch mehr Stullen, weil Bahnfahren eben so immens hungrig macht.

Im Großraumabteil ist das soweit noch in Ordnung, da wird dann ein Vierertisch belagert und alles ausgepackt und konsequent und konzentriert verspeist. Wer Ahle Wurst dabei hat, preist in der Regel lautstark den exzellenten Geschmack und bietet den umsitzenden Mitreisenden großzügig eine Probe an. Im Abteil mit sechs Sitzplätzen sind die Tischchen meist zu klein, so dass auch die benachbarten Sitze mit belagert werden und insbesondere die Ahle Wurst oder die Käsestullen verbreitet einen intensiven Geruch nach Schulbrot, den man eigentlich längst vergessen gehofft hatte. Das ist allerdings immer noch besser als der Bier- und Dönergeruch, den andere Mitreisende gerne mit dem gesamten Waggon teilen.

Ich will aber auf eine ganz andere Geschichte hinaus. Im Gegensatz zum Gelegenheitsreisenden kauft der Vielfahrer, insbesondere der Businessreisende, schnell auf dem Weg zum Bahnsteig sein Mittagessen in Form eines belegten Sandwichs, eines Wraps oder einer sogenannten „Pizza“ vom Kettenbäcker und finanziert so eine ganze Amada von Imbissen, Backshops und ähnlichen Etablissements, die dererlei Produkte zu erstaunlichen Preisen für die Reisenden feilbieten. Immerhin hat sich in den letzten Jahren eine gewisse Vielfalt an Belägen für die Brötchen oder Baguettes entwickelt. Während man früher zwischen Käse (blassgelber und geschmackloser Gouda, wahlweise Analogkäse, ein schlappes Salatblatt und eine gammelige Tomaten- oder Gurkenscheibe), Salami (fette Cervelatwurst, der Rest s.o.) und Käse-Salami, jeweils auf einem gummiartigen Brötchen vom Vortag, wählen konnte und vereinzelte Dienstleister sich allein mit zusätzlich angebotener Remouladensauce einen Ruf als Gourmettempel erwarben, sind heute luftgetrockneter Serrano mit Pecorinospalten und Kräutersenf, gegrilltes Gemüse und Schafmilchbrie oder französische Baguette-Salami mit Rucula ein absolutes Muss. Was den einen oder anderen Reisenden schon mal an seine sprachlichen Grenzen bringt. Gestern bei ‚Upper Crust‘ am Berliner Hauptbahnhof:

Junge blonde Dame: „Ich krich das Bagett mit Hühnchen und Cheyenne-Pfeffer.“

Verkäufer (ungerührt): „Der Cheyenne-Pfeffer ist aber bisschen scharf“.

Junge blonde Dame: „Ach so… dann doch was anderes!“

Herrlich – ich habe endlich ein Gewürz gefunden, mit dem ich meine Gnotschi und Zutschini würzen kann. Und danach trinke ich einen Latte Matschato…

Advertisements
Posted in: Warten