Die Bahn überrascht sich selbst

Posted on Mai 16, 2013

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Ich bin ja daran gewöhnt, dass Züge während der Fahrt spontan die Fahrtrichtung oder die Wagenreihung ändern und offenbar auch mal Wagen verlieren („…verkehrt heute ohne Wagen 6 und 7“). Ich werde es zwar nie verstehen, warum ein Fahrzeug, das auf Schienen hin und her fährt, dennoch manchmal in einer anderen Reihenfolge am nächsten Bahnhof ankommt als ursprünglich vorgesehen, aber dafür gibt es sicher einen völlig plausiblen und nachvollziehbaren Grund. Vielleicht versucht der Bahnvorstand (ich glaube, nur der wäre in der Lage, so etwas anzuordnen), diese lustigen Rätsel, die wir aus Kinderrätselheften kennen: ‚Zug A und Zug B versuchen, aneinander vorbeizukommen. Es steht nur das Abstellgleis C zur Verfügung, auf dem maximal eine Lokomotive und ein Wagen Platz haben. Welches ist die kleinste Anzahl an Rangiermanövern, die notwendig ist, um anschließend beide Züge wieder in der richtigen Reihenfolge auf dem jeweils anderen Gleis weiterfahren lassen zu können?‘ mit echten Zügen nachzustellen?! Gut, ich habe das immer mit meiner Märklin-Bahn gemacht, aber – große Jungs, große Spielzeuge – der Vorstand der Deutschen Bahn hat da vielleicht andere Maßstäbe. Nun ja.

Wie auch immer, im Grunde kann man ja am Bahnsteig anhand der jeweiligen Anzeige studieren, in welcher Reigenfolge der ICE heute einfährt, wo die Wagen der ersten und zweiten Klasse sich befinden und dann langsam zu dem Ort schlendern, an dem der reservierte Wagen ungefähr anhalten wird. Langsam deshalb, weil der Zug selbstverständlich auch verspätet eintreffen wird. Eine gewisse zusätzliche Komplexität ergibt sich, wenn der Zug aus zwei Teilen besteht: da muss man dann ein bisschen aufpassen, dass man die Wagennummern 21-28 nicht mit den Nummern 31-38 verwechselt und dann nach der Zugtrennung in Köln, Hamm oder wo auch immer ausversehen im falschen Zugteil sitzt und in die falsche Richtung weiterreist. Aber das ist mit ein bisschen Überlegung und Routine durchaus zu meistern.

Lustig war es allerdings gestern. Der Zug wurde mit „umgekehrer Wagenreihung“ in Frankfurt angekündigt. Das bedeutet: wer für den ersten Wagen gebucht hat, der normalerweise vorne am Bahnsteig im „Abschnitt A“ halten würde, muss statt dessen den Bahnsteig 300 Meter weit in „Abschnitt F“ laufen. Grundsätzlich kein Problem. Der Zug hat 15 Minuten Verspätung „wegen Verspätung eines Zugteils“, also hat man eh nichts besseres zu tun. Auch das ist ja nichts Neues. Dann werden wir allerdings informiert, dass die Zugteile abweichend von der gerade eben erfolgten Mitteilung „vertauscht“ eintreffen werden – wer bisher in „Abschnitt F“ gewartet hat, muss jetzt (Achtung: die Zugteile sind „vertauscht“, aber nicht „umgekehrt gereiht“!) in „Abschnitt C“ pilgern. Nehmt euch lieber mal eure alte Märklin-Bahn aus dem Schrank, um das nachzuvollziehen. Für diejenigen von euch, die gerade keine Märklin-Bahn zur Hand haben, versuche ich mal, das grafisch deutlich zu machen. Normalerweise würde der Zug so einfahren:

(21)(22)(23)(24)(25)(26)(27)(28)-(31)(32)(33)(34)(35)(36)(37)(38)

Die erste Änderung (umgekehrt gereiht) würde folglich zu folgendem Bild führen:

(38)(37)(36)(35)(34)(33)(32)(31)-(28)(27)(26)(25)(24)(23)(22)(21)

Die zweite Änderung (vertauschte Zugteile) hätte dann zur Folge gehabt, dass der Zug wie folgt einrollt:

(28)(27)(26)(25)(24)(23)(22)(21)-(38)(37)(36)(35)(34)(33)(32)(31)

Das ist tricky: durch das umgekehrte Reihen und anschließende Vertauschen ist jetzt der erste Zugteil doch wieder vorne. Da kann man schon ein bisschen den Überblick verlieren. Zahlreiche Reisende irren bereits mit schreckgeweiteten Augen und ohne Plan auf dem Bahnsteig hin und her; andere haben sich mühsam zurecht gereimt, wo ihr Wagen denn nun zum Halt kommen wird und bleiben grimmig entschlossen an dieser Stelle stehen.

Das Ende vom Lied ist allerdings, dass der gebuchte Wagen dann doch als erstes und damit wieder in „Abschnitt A“ eintrifft (Zugteil 1 ist nach dem ersten „globalen“ Falschrum-Reihen wohl weiterhin mit Zugteil 2 „vertauscht“, dann aber entgegen der Erwartung der freundlichen Ansagerin doch nicht „umgekehrt gereiht“), während der zweite Zugteil weiterhin sowohl-als auch ist, so dass noch eine halbe Stunde nach Weiterfahrt in Richtung Köln verstörte Reisende durch die Gänge irren und ihren Wagen suchen.

Ich habe mich mittlerweile für den Speisewagen (ursprünglich im „Abschnitt B“) entschieden, schlürfe einen Cappucino und gönne meinen reservierten Platz einem armen Irrläufer. Heute Abend will ich aber doch nochmal mit der Spielzeugeisenbahn meiner Söhne nachvollziehen: Wenn Zugteil 1 ursprünglich früher am Vereinigungsort eintreffen sollte als Zugteil B, verspätet gemeldet wird und dann hinter den 2. Teil gehängt werden soll, aus irgendwelchen Gründen (Zwischensprint?) dann doch früher da ist, so dass die Zugteile doch in der richtigen Reihenfolge gemeinsam weiterfahren: wieso und wie hat Teil 1 sich dann zwischendurch umgedreht? Das überrascht sowohl die Bahn als auch mich…

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Posted in: Bahnfahren